1000 Nächte fern der Heimat

s150468-1: Baker’s scream: “I want to go to school”, loudens the scream of “No Lost Generation”

Wäre gestern eine Naturkatastrophe passiert, wären dabei hunderttausende Menschen ums Leben gekommen, Häuser zerstört und Schulen, wären Millionen dadurch obdachlos geworden, dann würde die Welt hinsehen. Wäre die Syrienkrise eine Naturkatastrophe, würde die Schlagzeile wohl so oder so ähnlich klingen: „Katastrophales Unglück: Mehr als 200.000 Menschen getötet, 14 Millionen geflüchtet“

Viele Menschen würden die Medienberichte verfolgen und großzügig für jene spenden, die Not leiden. Bei der Syrienkrise ist das, leider, nicht passiert.

Warum? Weil die Syrienkrise von Menschen gemacht wurde und weiter verlängert wird. Das Leiden, das durch Krieg versursacht wird, weckt in den Menschen nicht dasselbe Bedürfnis zu geben wie das Leiden, das eine Naturkatastrophe verursacht.

Der syrische Bürgerkrieg wütet nun seit mehr als vier Jahren. Der Weltflüchtlingstag ist ein guter Anlass, sich bewusst zu machen, wie viele syrische Flüchtlinge es gibt. Es sind fast vier Millionen  – in etwa die Einwohnerzahlen von Berlin und Frankfurt/Main zusammen – und sie alle leben weit weg von Zuhause und fragen sich, ob sie jemals wieder in das Leben zurückkehren werden, wie sie es vorher kannten.

Stellen Sie sich vor…

Stellen Sie sich vor, sie wären ein syrisches Kind, das im Jahr nach dem Ausbruch des Kriegs, im August 2012, fliehen musste. Inzwischen haben Sie mehr als 1000 Nächte in einem fremden Bett geschlafen, tausend Nachmittage nicht mit Ihrem besten Freund gespielt, tausend Tage ohne Ihr geliebtes Haustier verbracht, tausend Tage lang Ihre Spielsachen vermisst, die schönen Vögel in Ihrem Vorgarten und die Fahrräder, auf denen Sie durch die Straßen in der Nachbarschaft geflitzt sind.

Jetzt stellen Sie sich vor, Sie  wären die Eltern dieses Kinds. Tausend Nächte, in denen Sie wachlagen, weil Sie die Sorge plagte, wie Sie ihrem Kind eine sichere Umgebung geben können und wie Sie ihm genug zu essen besorgen. Tausend Tage, an denen Sie sich fragten, wann Sie endlich nach Hause gehen können.

Die Welt ist müde von der enormen Not und dem Leid, das die Syrienkrise hervorbringt. Es ist kein Ende in Sicht. Für mich, für World Vision, ist es eine große Herausforderung, es immer wieder aufs Neue zu versuchen, die öffentliche Aufmerksamkeit auf die zerstörerischen Folgen dieser Krise zu ziehen. Wir alle kennen Geschichten inzwischen zu genüge – von Familien, die ihre Liebsten verloren haben, von Menschen, die den Kämpfen entrannen, aus Angst um ihr Leben, von Flüchtlingen, die in improvisierten, unwürdigen  Unterständen schlafen, von Kindern, die Jahre der Schulbildung verpassen und Kindern, die gezwungen sind zu arbeiten oder zu heiraten, damit ihre Familien überleben.

Aber ist das Leiden eines Kindes weniger schlimm, weil es durch Krieg und nicht durch ein Naturunglück verursacht wurde? Friert so ein Kind weniger, hat es weniger Hunger, hat es weniger Angst? Ein dreizehnjähriges Kind sagte mir vor kurzem: “Können Sie uns ins Fernsehen bringen? Können Sie allen davon berichten? Vielleicht hilft uns die Welt dann”.

Wir versuchen es,  Rheem. Wir versuchen es wirklich.

Suzy Sainovski

Suzy Sainovski

World Vision unterstützt die Opfer der Syrienkrise in Jordanien, in der Region Kurdistan in Irak, in Libanon sowie in Syrien. Bislang konnten wir rund zwei Millionen Flüchtlinge und besonders Bedürftige mit Hilfsmaßnahmen erreichen, dazu gehört die Versorgung mit Lebensmitteln, Wasser, Sanitäranlagen, Gesundheitsmaßnahmen, Kinderschutzräumen und Traumaarbeit. Doch der Bedarf ist riesig. Er wächst immer weiter. Bitte helfen Sie uns zu helfen.

Die Autorin dieses Kommentars, Suzy Sainovski, berichtet als Kommunikationsmanagerin für World Vision regelmäßig über unseren Einsatz in der Syrienkrise.

Schreiben Sie einen Kommentar


2 × sechs =