Sayn bayna uu! – Patenreise in die Mongolei

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Ein Bericht von Anja Geigenmüller

Munkhdelger wird in diesem Jahr sieben Jahre alt. Sie hat ihre langen dunklen Haare gegen eine burschikose Kurzhaarfrisur getauscht. Im Sommer sei es viel zu warm für lange Haare, erklärt sie mir kurzerhand, als wir uns das erste Mal im Leben persönlich begegnen. Im August 2015 besuche ich im Rahmen einer Patenreise mit World Vision mein Patenkind in der Mongolei, lerne sie und ihre Familie kennen und kann mich selbst davon überzeugen, mit welchem Ehrgeiz und Engagement Mitarbeiter vor Ort aus unseren Spendengeldern Zukunftschancen erwachsen lassen.

Reisevorbereitungen

Im Jahr 2010 hatte ich die Patenschaft für Munkhdelger übernommen, nachdem eine erste Patenschaft in der Mongolei ausgelaufen war. Seitdem hatte ich von ihr regelmäßig Briefe, Zeichnungen und sogar eine kleine Videobotschaft über das Online-Portal von World Vision erhalten. Als im Januar 2015 die Ankündigung einer Patenreise in die Mongolei eintrifft, steht die Entscheidung sehr schnell fest: Ich werde mein Patenkind besuchen.

Bereits die Reisevorbereitungen waren in mehrfacher Hinsicht etwas Besonderes, und das nicht nur aufgrund der Notwendigkeit zur Beschaffung einer eher außergewöhnlichen Ausstattung u.a. mit Desinfektionsmittel, Stirnlampe oder Geräten zur autarken Stromversorgung. Geschenke werden benötigt, Kleinigkeiten wie Luftballons, Haarschleifen, T-Shirts, Malstifte usw., die den Kindern in den Patenprojekten Freude machen.

Es gibt wohl wenige Länder, über die man in Europa so wenig weiß, wie über die Mongolei. Sicher haben wir typische Bilder von Jurten, Steppenlandschaften und stolzen Reitern im Kopf. Doch was wissen wir wirklich über Geschichte, Traditionen, reale Lebensumstände und Zukunftsaussichten dieses asiatischen Landes irgendwo zwischen Russland und China?

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Darüber hinaus bleibt die ganz persönliche Frage, wie es sein wird, sein Patenkind persönlich zu treffen? Auf welche Erwartungen wird man treffen, und welche Erwartungen weckt man mit einem solchen Besuch? Freuen sich die Patenkinder ebenso wie man selbst, sich endlich persönlich kennenzulernen? Wie wird man sich verständigen? Und welcher Eindruck wird von diesem Treffen bleiben?

Besuch des Projektgebiets

Unmittelbar nach der Ankunft in Ulaan Baatar erfolgt der Besuch u.a. des Projektes im Gebiet Bayankhoshuu. Das Area Development Project (ADP) erstreckt sich über acht Gebietskörperschaften, so genannte „horoos“. Darin leben mehr als 30.000 Kinder. Etwa 2.000 Kinder sind in dem Projekt registriert. Seit dem Jahr 2000 unterstützt World Vision Deutschland in Bayankhoshuu Maßnahmen zur Bildung, Gesundheitsförderung und zur Verbesserung der wirtschaftlichen Situation der Familien vor Ort.

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Wir werden in dem Projektgebäude durch die Projektmanagerin empfangen. Sie stellt das Projekt, Ziele und Aktivitäten vor. Kinder aus dem Projekt führen kleine Darbietungen auf – Musik auf der Pferdekopfgeige, Tänze, Akrobatik. Dann erzählen Kinder und Jugendliche über ihre Mitwirkung in verschiedenen Maßnahmen und ihre Projekterfahrungen. Besonders beeindruckend ist die Mitwirkung von Mädchen und Jungen in so genannten „child participation committees“. Kleine Gruppen älterer Kinder unterstützen Projektmaßnahmen, indem sie Informationen und Verhaltensweisen an Jüngere weitergeben. Sie haben beispielsweise eigenständig ein Sorgentelefon organisiert, das Kinder und Jugendliche jederzeit anrufen können, wenn sie Hilfe benötigen. Sie übernehmen damit frühzeitig sehr viel Verantwortung für andere. Gleichzeitig bilden sie eine wichtige Ressource für die Zukunft – mit ihrer Erfahrung können sie die Entwicklung von Projektgebieten auch nach dem planmäßigen Rückzug von World Vision weitertragen.

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Stationen einer positiven Entwicklung

Wir werden eingeladen, eine Werkstatt anzusehen, in der Frauen Kleidungsstücke, Schuhe und Taschen aus Filz und Kaschmir herstellen. Mit sichtbarem Stolz führt uns die Leitern dieser Maßnahme herum und erläutert, wie dadurch Familien im Projekt Einkommen generieren können. Die Frauen erhalten Material und einen Arbeitsplatz. Hier können sie auch ihre Kinder mitbringen, müssen sie weder ohne Aufsicht lassen noch auf Arbeit verzichten. Die Produkte verkaufen sie selbst, das bedeutet auch, dass sie für die Wahl von Absatzwegen, Preisgestaltung und Vermarktung selbst verantwortlich sind. Sie verdienen eigenes Geld und mehr noch: Sie ziehen daraus Selbstbewusstsein und Kraft, aus Abhängigkeiten auszubrechen und ihr Leben eigenverantwortlich zu gestalten.

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Eine der nächsten Stationen ist ein Landwirtschaftsprojekt. Durch die Unterstützung von World Vision konnten Ackerflächen erworben werden, auf denen in modernen Gewächshäusern verschiedene Gemüsesorten wie Kartoffeln, Tomaten oder Zwiebeln gezogen werden. Auch dadurch wird Arbeit und Einkommen generiert. Zudem ist die Versorgung mit frischem Gemüse ein ganz wichtiger Baustein in der Förderung gesunder Ernährung: Junge Mütter werden durch World Vision angeleitet, frisch, ausgewogen und schmackhaft zu kochen. Ältere Frauen bringen ihre Erfahrungen ein und helfen jungen Müttern, auf eine gesunde Ernährung ihrer Kinder zu achten.

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Das Miteinander der Generationen ist in all diesen Maßnahmen genauso wichtig wie die Umsetzung von Fördermaßnahmen durch mongolische Projektmitarbeiter vor Ort: Sie haben die notwendige Erfahrung, kennen Kultur, Traditionen und soziale Gefüge, um Hilfe und Unterstützung an den richtigen Stellen anzubieten, dort, wo sie dem Alltag der Menschen und ihren individuellen Bedürfnissen entsprechen.

Dies gilt auch für die Errichtung so genannter „Jurten-Kindergärten“. Kinder im Vorschulalter werden in Jurten betreut. Eine Jurte ist Spiel- und Schlafplatz, eine zweite dient als Küche. Besonders Kinder von Nomaden, deren Familien sich aus wirtschaftlichen Gründen in Städten ansiedeln, würden sich in steinernen Gebäuden nicht wohlfühlen. Für sie bedeuten Jurten eine vertraute und sichere Umgebung. Folglich unterstützt World Vision vor Ort die Errichtung weiterer Jurten-Kindergärten, die Kindern Bildung, Spiel, eine gesunde Ernährung und Fürsorge ermöglichen.

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Das Treffen

Dann ist es soweit. Im Hauptraum des Projektgebäudes treffen sich Paten und ihre Patenkinder. Munkhdelger ist mit ihrer Mutter gekommen. Vorsichtig packt sie die Geschenke aus, die ich ihr aus Deutschland mitgebracht habe: ein paar T-Shirts, Haarspangen, Puzzle und für ihren Bruder ein kleines Auto, Murmeln und ein Quartettspiel. Die Dolmetscherin hilft uns bei der Verständigung.

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So erfahre ich, dass sich Munkhdelger schon sehr auf die Schule freut. Den restlichen Sommer wird sie bei ihren Großeltern in Ulaan Baatar verbringen. Sie liebt Pferde und Hunde. In der Spielecke des Zimmers erklärt sie mir dann die Einrichtung einer typischen Jurte. Wir spielen zusammen das „Knochenspiel“ und sie malt ein Bild von uns beiden.

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Mit jeder Minute fasst sie mehr Vertrauen. Am Ende nimmt sie mich bei der Hand – sie möchte mit mir im Garten des Projektgebäudes spielen. Zum Abschied steckt sie mir ein paar Blumen ins Haar – und meine Zweifel sind damit endgültig verflogen: An diesen Tag werden wir uns beide sehr lang erinnern.

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Unvergessliche Eindrücke

Die zweiwöchige Patenreise führt durch verschiedene Landesteile und Projektgebiete. Besichtigungen, Besuche bei Nomadenfamilien, Überlandfahrten, Ausflüge in die Natur zu Fuß, zu Pferd oder auf dem Kamel bringen uns ein eigenwilliges und faszinierendes Land näher. Wir erleben atemberaubende Ausblicke, unendlich weite Landschaften, den beeindruckendsten Sternenhimmel, den ich bis heute gesehen habe.

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Wir sehen ein Land voller Gegensätze – auf der einen Seite die Metropole Ulaan Baatar und Einwohner, die ganz selbstverständlich Teilhabe am westlichen Lebensstil suchen – auf der anderen Seite Nomaden, deren Leben vollständig durch ihre Vieherden und die Verfügbarkeit von Weideflächen bestimmt wird. Wir bekommen eine Ahnung davon, was es heißt, ohne fließendes Wasser, Strom oder eine funktionierende Abwasserversorgung zurechtkommen zu müssen, und das sowohl in heißen Sommern als auch in langen Wintern mit Temperaturen unter – 30 Grad. Wir erleben, welche Herausforderungen das rudimentäre Verkehrsnetz an Menschen und Fahrzeuge, an Beschaffung, Warenverteilung und die Versorgung der Bevölkerung stellt. Wir erfahren von den Zukunftschancen, die das Land dank bedeutender Rohstoffvorkommen, vor allem Kohle, Kupfer, und Gold, haben könnte, genauso wie von Gefahren, die deren Abbau für Mensch und Umwelt hervorrufen kann.

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Und immer wieder treffen wir Menschen, die trotz aller Schwierigkeiten mit Enthusiasmus und Beharrlichkeit, voller Stolz und immer mit einem Lächeln daran arbeiten, ihren Mitmenschen in diesem Land eine Perspektive zu bieten, Familien und ihre Kinder zu unterstützen, Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten.

Paten wie wir leisten finanzielle Unterstützung, die dringend benötigt wird. Aber wirksam wird die Hilfe erst durch die vielen Mitarbeiter vor Ort, die mit ihrer Kenntnis und Erfahrung aus diesen Spendengeldern langfristig wirksame Unterstützungsmaßnahmen schaffen. Ich bin sehr froh, dass wir diese Menschen treffen durften, dass wir Einblicke in ihre Arbeit und die Arbeit von World Vision bekommen haben. Mein Dank richtet sich an alle Mitarbeiter von World Vision und den Partnereinrichtungen, die uns diese unvergessliche Reise ermöglicht haben.

Bayarlalaa!

Sie möchten auch eine Patenschaft übernehmen? Hier können Sie Kindern eine Zukunft schenken.

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