Somaliland: Wenn die Dürre zur Chance wird

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Seit drei Jahren herrscht im Nordwesten Somalias, in Somaliland, eine verheerende Dürre. Die ländliche Bevölkerung besteht zum großen Teil aus Vieh-Nomaden – die von der Dürre besonders betroffen sind. Ein gemeinsames Projekt des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und World Vision bekämpft die Folgen und baut Zukunftsperspektiven auf.

Seit Stunden sind wir unterwegs auf dieser staubigen Piste im Nordwesten Somalias. Die Landschaft ist imposant in ihrer Eintönigkeit, in ihrer marsianischen Anmutung. Seit drei Jahren hat es hier in Somaliland, in der Region Awdal nicht mehr geregnet. Nur die Akazienbäume und der störrischere, wenngleich nutzlose Prosopis juliflora halten noch durch. Am Straßenrand entdecken wir die ausgebleichten Gerippe von Ziegen und Schafen –  das Vieh der Nomaden hier im Distrikt Lughaya. Oder besser:  das, was einmal ihr Vieh war, ihre Lebensgrundlage, ihr sozialer Status und Angelpunkt ihrer Lebensweise.

Immer mehr Vieh-Nomaden geben auf

Immer mehr Pastoralisten, Viehnomaden, geben auf. Ziehen in die Dörfer und kleinen Städte, in denen sie Hilfe und Unterstützung bekommen. Waren es in der Stadt Lughaya bis 2015 etwa 250 dieser Klimaflüchtlinge, so sind es allein in diesem Jahr schon 500, die hier Schutz suchen. Eine Belastung für die Ortsansässigen, die selber kaum genug zum Leben haben, aber ihre Solidarität trägt diese Belastung.  Noch.

Wir preschen weiter auf der Piste voran. Da zieht ein grüner Punkt unsere Aufmerksamkeit auf sich. Er wird größer, fächert sich auf. Es sind Bäume,  Akazien, Neem- und Moringabäume. Dazwischen Felder mit kräftigen Gemüsepflanzen, Rote Beete, Zwiebeln, Tomaten. In kleinen Kanälen fließt Wasser auf die Felder. Was ist hier los?

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„Hier werden aus Viehnomaden Bauern!“, lacht Mohammed Nagueye. Er ist Projektmanager bei World Vision Somalia. In diesem Dorf namens Turka, mitten im Dürregebiet, geschieht eine kleine Revolution. Menschen die zuvor mit dem Hirtenstock ihr Vieh angetrieben haben, bearbeiten jetzt mit der Hacke den Boden. Ziehen Sprößlinge heran, statt Kälber, bewässern den Boden, statt zu melken.

Mohammed Nagueyeh weiß, dass die Nomaden aus dieser Region nicht freiwillig ihre Lebensweise ändern. Es ist die schiere existenzielle Not, die die Erkenntnis reifen ließ, dass reine Viehhaltung keine Zukunft mehr haben wird. Und es war dennoch viel Überzeugungsarbeit nötig von Seiten der World-Vision-Mitarbeiter, die sich in diesem vom deutschen Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit finanzierten Projekt engagieren.

Das alte Leben aufgeben, um das Leben zu retten

Nagueyeh: „Dieses Projekt ist ja viel umfassender als nur das Schaffen von Ackerfläche und die Bereitstellung von Geräten für die Feldarbeit. Wir mussten einen ganz anderen Umgamg mit natürlichen Ressourcen vermitteln. Und letztlich auch die Bereitschaft wecken, traditionelle Verhaltensweisen zu ändern.“

Wir laufen mit Mohammed Nagueyeh ein paar Schritte in Richtung der grünen Felder. „Wasser war immer knapp  in der Region. Es wurde äußerst sparsam eingesetzt. Doch jetzt sorgt eine mit Solarkraft betriebene Pumpe für dauerhaften Nachschub. Ein Segen!“

Mit Sonnenkraft Wasser aus dem Boden pumpen

Mit Sonnenkraft Wasser aus dem Boden pumpen

 

Die Pumpe holt das Wasser aus sieben Meter Tiefe an die Oberfläche.  Das Wasser wird dann über Rohre in Richtung der Felder geleitet und dort in eine Anlage zur Tröpfchenbewässerung eingespeist. Effektiv, sparsam und am heißen Klima ausgerichtet.  Aber das Wasser ist nicht nur für die Felder da. Ein Teil wird zu einer Zapfstation gelenkt  – Wasser für die Menschen. Zum Trinken, Kochen und – Hände  waschen.

Tröpfchenweise Zukunft schaffen

Tröpfchenweise Zukunft schaffen

Mohammed Nagueyeh: „Unsere Mitarbeiter aus der Abteilung für Hygieneberatung mussten hier echte Überzeugungsarbeit leisten. Wasser zum Händewaschen? Was für eine Verschwendung! Doch dann merkten die Leute, dass ihre Kinder nicht mehr krank wurden. Keinen Durchfall mehr bekamen. Wieder ein Schritt nach vorne.“

Ein Schritt, dem andere folgen. Die Nomaden sind sesshaft geworden. Schicken ihre Kinder in die Schule, die Bestandteil des Projektes ist. Kümmern sich um die Bäume, die der Dürre bislang getrotzt haben und neben Feuerholz auch Nahrung für die Tiere liefern. Wenn man die Bäume schützt, bewässert und pflegt. „FMNR“ heißt die Methode, die eine Wiederbegrünung der Region mit natürlichen Mitteln fördert. Mit geringem finanziellen Aufwand, effektiv und schnell in der Umsetzung.  Die Nomaden und Ex-Nomaden kümmern sich selber um die FMNR-Gebiete und so wird sichergestellt, dass auch nach Ende des Projekts der Erfolg nachhaltig ist.

Nomaden werden zu Baumpflegern

Nomaden werden zu Baumpflegern

Ein viel größerer Schritt ist es, das Leben als Viehhalter ganz aufzugeben. Etwas ganz Neues anzufangen. So wie Cubaabo Nour Hassan.

Die 45jährige hat neun Kinder, einen Ehemann und neuerdings ein Geschäft. Ein StartUp. Zusammen mit vier Freundinnen betreibt sie einen Laden, in dem die Kunden alles für den Alltag finden, Töpfe, Textilien, Schuhe, Stoffe. „Und wer zum Beispiel einen Stoff für einen Umhang kauft, der kann ihn bei uns gleich passend nähend lassen“, erklärt Cubaabo das Geschäftsmodell. Der Laden läuft, die Frauen wollen expandieren. Für den Anfang bekamen sie von World Vision ein Training in Betriebswirtschaft und ein bisschen Startkapital. Trotzdem war Cubaabos Ehemann skeptisch. So etwas hatten sie ja noch nie gemacht! !Aber dann sah er den Profit. Jetzt findet er es gut“, lacht die Geschäftsfrau und wendet sich der nächsten Kundin zu.

Nicht jeder fällt der Abschied vom traditionellen Leben so leicht wie Cubaabo.

Saada Ashi ist 47 Jahre alt und zeit ihres Lebens immer Viehnomadin gewesen. Sie lebt in in der Nähe in einem Camp für Nomaden, die wegen des Viehsterbens keine Existenzgrundlage mehr haben. Die fünffache Mutter war Herrin über 100 Ziegen und 20  Kamele. Jetzt sind ihr noch zehn Ziegen geblieben. „Ich hatte ein gutes Leben“, sagt sie. „Es gab immer Milch für die Kinder, wir konnten ab und zu eine Ziege schlachten oder verkaufen. Dann kam die Dürre.  Jetzt ist alles anders. Ich hätte gerne mein Vieh zurück!“

„Ich nicht!“, wirft ihre Nachbarin ein. „Ich will lernen wie man fischt.“ Eine Viehnomadin als Fischerin? „Warum nicht“, sagt die Frau. „Hier ist kein gutes Land mehr für Vieh. Da lerne ich lieber was mit Zukunft.“

Hier können Sie unsere Arbeit unterstützen:

https://www.worldvision.de/spenden-katastrophenhilfe-katastrophen-vorsorge.php

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