Wenn die Verzweiflung am größten ist, werden neue Ideen geboren

Honig-ernte einer Imker-Gruppe

Das nördliche Somaliland gehört zu den heißesten und trockendsten Regionen in Afrika. Aktuell bringt wieder eine sehr schlimme Dürre viele wandernde Viehhalter zur Verzweiflung. Nothelfer von World Vision bringen immer mehr hungernde Kinder in Krankenhäuser. Doch die Not bringt viele Nomaden auch dazu sich neuen Ideen zu öffnen.

Dirie Mohamed ist hunderte Kilometer mit seinen 150 Ziegen und 12 Kamelen aus Nordäthiopien nach Nord-Somaliland gelaufen. Seine Frau und seine Kinder hat er mit einigen Tieren zurückgelassen. In Nordäthiopien gab es kein Futter mehr für seine Tiere. Seit Monaten hat es nicht geregnet. Menschen und Tiere leiden unter einer der schlimmsten Dürren der letzten Jahre. Dirie hoffte, dass es in Somaliland noch etwas Grün für seine Tiere gäbe, aber seine Hoffnung wurde enttäuscht. Die Landschaft ist karg und verwüstet. Hier und da gibt es noch einige Büsche, doch zumeist handelt es sich um einen dornigen Busch namens Prosopis Juliflora, der sich enorm schnell über tausende Hektar Land verbreitet und derzeit weder von den Menschen noch von den Tieren genutzt werden kann.

Dirie_Tierkadaver

Inzwischen sind fast alle Tiere verhungert oder verdurstet. Nur zwei  weibliche Kamele sind übrig und 25 Ziegen. Doch diese Tiere sind zu schwach, um den weiten Weg nach Äthiopien zurück zu laufen. Dirie bleibt keine andere Wahl, als in Somaliland weiter zu ziehen oder er geht zu einem der Sammelpunkte, die die Regierung für Rücktransporte der Nomaden eingerichtet hat. Viele Äthiopier sind auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen nach Somaliland gewandert. Diejenigen, die die diese Hoffnung nun aufgegeben haben, werden auf Lastwagen zusammen mit ihren Tieren zur äthiopischen Grenze zurückgebracht.

Sammelstelle

Wenn die Tiere tot sind, sterben die Menschen.

So wie Dirie geht es vielen Viehhirten. Etwa vier Millionen Menschen leben in Somaliland, das sich als unabhängiger Staat betrachtet, aber von der internationalen Staatengemeinschaft nicht anerkannt wird. Dies ist ein Problem, da Somaliland für sich selbst keine Hilfsgelder beantragen kann. Etwa 2/3 der Bevölkerung sind Viehhalter, die ständig von einem Ort und einem Land zum anderen wandern. Daher ist es schwierig festzustellen, wie viele Menschen genau von der Dürre betroffen sind. Schätzungen nur für den Westen und Nordwesten des Landes gehen von 20.000 Familien aus. Jede Familie besteht im Durchschnitt aus 6-8 Mitgliedern.

In Garissa treffen wir Vertreter der Regierung. Hier wird gerade eine Nahrungsmittelverteilung organisiert. Seit sechs Tagen sind der Gesundheits-, Innenminister und Vizepräsident unterwegs in der Region Awdal im Nordwesten des Landes. Sie wollen sich ein eigenes Bild von der Situation ihrer Bevölkerung machen.

Inzwischen gibt es erste Tote – Kinder und Erwachsene. In der Klinik in Garissa, die von World Vision unterstützt wird, besuchen wir eine junge Frau mit ihrem Sohn. Roobleh ist ein Jahr und 5 Monate alt, sieht aber aus wie ein unterernährter Säugling. Die Arme und Beine sind spindeldürr. Er wiegt nur noch 4,7 kg und ist knapp 70 cm groß. In den letzten vier Wochen bekam Roobleh nur Tee und Wasser und etwas Haferbrei. Zum Schluss trank er nur noch Wasser. Apathisch liegt Roobleh auf dem Bett neben seiner Mutter. Selbst zum Weinen fehlt ihm die Kraft. In der Klinik bekommt er nun Spezialnahrung und die Ärzte hoffen, dass er sich schnell erholt.

Mutter mit hungerndem Kind

Viele Menschen, mit denen wir reden, sagen, dass dies die schlimmste Dürre sei, die sie je in ihrem Land erlebt haben.

World Vision ist im Westen und Nordwesten Somalilands in 10 verschiedenen Distrikten aktiv und hat zwei Krankenwagen angeschafft, um kranke und unterernährte Personen ins Krankenhaus zu bringen. Mehrere Einsatz-Teams sind in den Gebieten der wandernden Viehhalter unterwegs und versuchen Familien aufzuspüren, in denen unterernährte Kinder und Erwachsene leben. Kinder versorgen sie mit Aufbaunahrung, die mit Vitaminen und Mikronährstoffen angereichert ist. Sie statten besonders notleidende Familien auch mit Bargeld aus, damit sie sich auf dem Markt Essen und Wasser kaufen können. Ohne diese Hilfe würden sich die Nomaden gezwungen sehen die Babynahrung mit allen Mitgliedern der Familie zu teilen.


Wie Sie durch eine Spende in Dürre-Regionen helfen können:

Mit 48 € kann dürreresistentes Saatgut für 2 Familien gekauft werden.
114€ verhelfen einer dreiköpfigen Familie Zugang zu Trinkwasser.
Hier können Sie sicher online spenden. Vielen Dank!


 

Doch auch für eine Trockenregion wie Somaliland gibt es Hoffnung auf ein besseres Leben und so schlimm die Dürre auch ist, sie bietet eine Chance, dass die Menschen umdenken. Viele Viehhalter sind inzwischen bereit, als Bauern auch Gemüse und Obst anzubauen. World Vision unterstützt sie bei diesem Umdenken und hilft ihnen auch dabei das Land fruchtbarer zu machen. Hierbei lernen sie mit einer regenerativen Wiederaufforstungsmethode zu arbeiten, die sich FMNR (farmer managed natural regeneration) nennt. Einige Gemeinden setzen diese Methode inzwischen um und trotz der Dürre und des kargen Bodens gibt es erstaunliche Erfolge.

Auf dem Weg zur Küste machen wir Halt an bei einem Aufforstungsgebiet, das umzäunt wurde, damit die Tiere nicht jeden Spross wieder abfressen. Der Leiter der dort lebenden Gemeinschaft, Haybe Ismail Buni, erzählt, dass viele Bäume inzwischen gut gewachsen seien – von 90 cm im Jahr 2014 auf jetzt 1,90 cm. Die Bäume – meist Akazien – spenden Schatten, die Früchte sind sehr gesund und süß und die Wurzeln leiten Nährstoffe in den Boden und verbessern so die Bodenqualität. In dem wachsenden Wald hat die Gemeinde auch mit der Honigproduktion begonnen und konnte im vergangenen Jahr Honig für umgerechnet rund 1.400 Euro verkaufen. Inzwischen kopieren viele Nachbarn die Methode.

duerre

Wissen stillt Hunger

Zum Schluss unserer Reise besuchen wir noch Bauer Ibrahim. Er bestellt einen kleinen Acker nach der Agroforstwirtschaftsmethode. Das heißt, er lässt einige Bäume auf seinem Acker stehen. Diese spenden Schatten, halten das Wasser im Boden und liefern zusätzlich Früchte, Gemüse und Medizin. Sogar eine Dattelpalme hat  Ibrahim angepflanzt. Im Schatten sinken die Temperaturen von etwa 70 auf etwa 35 Grad.

In seinem Gewächshaus züchtet er gemeinsam mit seinem Sohn Saleban u.a. Tomaten, Papayasträucher, Moringa- und Neembäume. Viele der indigenen Bäume Afrikas produzieren wertvolle Früchte, Gemüse, Medizin und verbessern die Bodenqualität, halten das Wasser im Boden.

Bauer Ibrahim

Ibrahim und seiner Familie geht es gut – trotz Dürre. Das Einkommen der Familie verbesserte sich, weil die Nahrungsmittel auf dem nahen Markt verkauft werden. Alle Kinder besuchen die Schule und 3 mal am Tag haben alle etwas zu essen.

Auch Prosopis Juliflora könnte von den Menschen genutzt werden. Die Früchte sind essbar und bei gutem Management könnte aus dem Strauch, der giftige Dornen besitzt, ein großer Baum werden. Das Holz könnte als Brennholz oder zum Bau von Möbeln genutzt werden, da es sehr hart ist.

Doch vielen Menschen in Somaliland und Somalia fehlt dieses Wissen. Daher muss es erste Aufgabe von Regierungen, NGOs und Gebern sein, Wissen zu vermitteln, damit Dürren in Zukunft keine Hungersnöte mehr auslösen und Existenzen vernichten.

 

2 Kommentare

  1. Michael Zemmrich, 5. April 2016

    Wunderbarer Bericht, der nachdenklich stimmt. Leider gibt es viel zu wenig Aufklärung und Informationen über die Trockenperiode in Somalia.

  2. Carina, 12. August 2017

    Wunderbar, dass world vision die Menschen vor Ort unterstützt. Durch diesen Blog wird deutlich, dass zu Gesundheit bzw. gesund sein nicht nur ein eigenes Verständnis zählt, sondern auch Wissen, welches vermittelt wird. Wenn dazu die AdressatInnen selbst nicht in der Lage sind zur eigenen Gesundheit beizutragen, es notwenig wird, dass VerantwortungsträgerInnen wie world vision Unterstützung leisten. Hoffentlich werden immer mehr Betroffene die Angebote zur Selbsthilfe annehmen um sich besser vor der nächsten Katastrophe schützen zu können.

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